Medizin und Religion

Heilsysteme sind dazu da, kranke Menschen gesund zu machen. Doch worauf basiert ein Heilsystem? Um dem auf den Grund zu kommen, müssen wir die Betrachtungsweise von Krankheit, Gesundheit, Heilung etc. in seinen allgemeinen Prinzipien untersuchen.

Modelle

Die Aneignung von Erkenntnis funktioniert beim Menschen oftmals nach einem gleichbleibenden, fast schematischen Vorgang. Ereignisse, sowohl im Innen wie auch im Aussen, werden wahrgenommen (durch unsere Sinne, erweiterten Sinne, Messgeräte etc.). Im Geiste bildet der Mensch zu diesen Beobachtungen ein Ebenbild oder Modell. Anhand dieses kann er die Ereignisse einordnen, bewerten, berechnen und teilweise sogar vorhersagen.

In der Medizin ist der Gegenstand der Betrachtung die Erscheinungen von Krankheit und Gesundheit (und deren Übergänge: Erkrankung, Heilung). Je nach zugrundeliegendem Modell unterscheiden sich die Ansichten wesentlich. Der konventionellen Medizin liegt ein anderes Modell zugrunde als der Homöopathie, diesen wiederum ein anderes als der TCM (traditionelle Chinesische Medizin) usw. Wichtig ist, dass es dabei nicht um eine Wertung geht, welcher Ansatz besser, schlechter, wahr oder falsch ist. Wenn, dann kann einzig über die Repräsentativität eine Aussage gemacht werden: Wie gut kann ein Modell die Beobachtungen erklären und somit einen Anhaltspunkt geben, auf sie Einfluss zu nehmen. Wie brauchbar kann ein Modell Vorstellungen von Ursache und Hergang der Krankheit entwickeln, um daraus zuverlässige Handlungsmacht zu erlangen.

Das Modell der konventionellen Medizin beruht im Wesentlichen auf dem naturwissenschaftlichen Weltbild. Die Betrachtungsweise ist eine stark mechanistisch-materialistische. Im Gegensatz dazu beruht die Homöopathie auf einem idealistischen Weltbild, das den Ursprung von Gesundheit und Krankheit nicht ausschliesslich in materiellen Prozessen sieht.

Weltbild, Religion, Zeitgeist

Bereits aus diesen kurzen Erläuterungen sieht man unmittelbar, dass die Medizin in ihrer Thematik weit tiefer reicht als das blosse Behandeln von Kranken.

Jeder Mensch hat seine eigenen Vorstellungen und Ansichten. Seine persönliche, gesamtheitliche Betrachtungsweise nennt man das Weltbild. Demnach gibt es so viele Weltbilder, wie es Menschen gibt, denn jeder einzelne hat ein eigenes, individuelles.

Ein Modell, welches den Anspruch einer möglichst ganzheitlichen Erklärungskompetenz verfolgt, wird dadurch zur Religion, indem viele Menschen in ihrem Weltbild einen starken Bezug zu diesem Modell aufbauen. (Nach freier Interpretation entspricht dies der Wortbedeutung von Religion: vom lateinischen ‚religare‘: anbinden, zurückbinden; sich mit einer Modellvorstellung verbinden.) Die kulturgeschichtliche Entwicklung der Menschheit hat einige solche Religionen hervorgebracht: Judentum, Christentum, Buddhismus etc. Die Naturwissenschaft erfüllt für viele Menschen heute eine ähnliche weltanschauliche Funktion, wie sie früher Religionen innehatten.

Der Zeitgeist ist nun das beobachtbare Phänomen, dass während einer gegebenen Zeitperiode in einer Gesellschaft ein Modell bevorzugt als Standard angenommen, der Realität am nächsten kommend geglaubt wird. Die westeuropäische Gesellschaft im Mittelalter war durch einen christlich-religiösen Zeitgeist geprägt. Der heutige ist wohl immer noch deutlich ein naturwissenschaftlicher Zeitgeist.

Fazit

Der Zeitgeist wiederspiegelt die von der Mehrheit einer Gesellschaft getragenen Modelle und vertretenen Religionen einer Epoche. In besonderem Masse fördert er diejenigen Disziplinen, welche seiner Modellvorstellung am meisten entsprechen. Die vorherrschenden Tendenzen aller individueller Weltbilder und der jeweilige Zeitgeist überschneiden sich in ihren Grundzügen. Sie beeinflussen sich gegenseitig.

Es ist augenscheinlich, dass die heutige konventionelle Medizin dem naturwissenschaftlichen Zeitgeist entspringt. Es ist auch klar, dass sie nicht trennbar von der ihr zugrundeliegenden Modellvorstellung ist, denn sie ist eben an diese naturwissenschaftliche ‚Religion‘ angebunden.

Weiter gilt, dass der Mensch bezüglich Krankheit und Gesundheit keine nebensächliche Haltung einnimmt. Es betrifft ihn immer in seinem tiefsten Inneren, in seiner Weltvorstellung, in seiner religiösen Angebundenheit.

Wir müssen also konstatieren, dass Medizin und Religion im angegebenen Sinn nicht trennbar sind. Unter diesen Umständen erscheint es fragwürdig, einen allgemeingültigen medizinischen Standard für alle Aspekte von Krankheit und Heilung zu postulieren.

Das Weltbild eines jeden Menschen ist grundsätzlich persönlich, individuell, auch wenn es teilweise durch den Zeitgeist und andere Einflüsse stark geprägt und beeinflusst wird. In einer liberalen Gesellschaft muss dem Rechnung getragen werden.

Die beste Medizin

Das wirft sofort die Frage nach der ‚besten Medizin‘ auf. Vor einigen Jahren oder Jahrzehnten galt wahrscheinlich grossmehrheitlich die konventionelle Medizin als Goldstandard und somit als beste Medizin. In jüngster Zeit hat sich immer deutlicher das Gebäude der integrativen Medizin hervorgetan. Für viele stellt die Kombination der konventionellen mit den alternativen Medizinformen das beste Therapiesystem dar. Möglicherweise wird sich der Zeitgeist in den nächsten Jahren noch deutlicher in diese Richtung entwickeln.

Ich persönlich bin jedoch der Meinung, dass die Frage nach der ‚besten Medizin‘ eine individuelle ist. Gerade weil die Vorstellung von Krankheit und Heilung so stark mit dem eigenen Weltbild verbunden ist, kann keine Allgemeingültigkeit geltend gemacht werden. Die individuelle Haltung gegenüber der Medizin ist subjektiv und trägt einen religiösen Charakter im oben beschriebenen Sinn. Genauso wenig, wie man eine einzelne Religion als für die gesamte Menschheit geltend erklären kann, darf man auch kein Medizinsystem in die alleinige Allgemeingültigkeit erheben. Die persönliche Freiheit des einzelnen Menschen muss in diesem Fall entschlossen gewährleistet sein. Es ist Pflicht einer entwickelten Gesellschaft, diese Freiheit bereitzustellen und zu wahren. Auf der anderen Seite ist es Aufgabe eines jeden Individuums, sich ’seiner besten Medizin‘ bewusst zu werden, welche seinem Innersten, seinem eigenen Weltbild gerecht wird. Wenn wir das auf beiden Ebenen erreichen, ist es gut möglich, sogar sehr wahrscheinlich, dass wir sowohl als Gesellschaft wie auch als Individuen gesünder werden.